MODUL 4
Empowerment von Gärtner*innen mit Migrationsbiographie

Übersicht:

Dieses Modul beschäftigt sich mit der Notwendigkeit des Empowerment von Migrant*innen und den Möglichkeiten, die interkulturelle Gärten dafür bieten.

Die Schwerpunkte dieses Moduls sind:

  • Modelle von Empowerment
  • Erfahrungen aus interkulturellen Gärten
  • Aktivitäten, die Empowerment in interkulturellen und Gemeinschaftsgärten fördern.

Wissen

  • Wissen über verschiedene Konzepte, Teil einer Gesellschaft zu werden erlangen.
  • Die Notwendigkeit von Empowerment verstehen.
  • Wissen, wie Empowerment von Menschen unterstützt werden kann.

Fähigkeiten

  • Wie man Projekte gemeinsam mit - und nicht für - Migrant*innen entwickelt.
  • Wie man Verantwortung teilt.

Ansätze

  • Das Verständnis, dass Integration kein einseitiger Prozess ist.

Integration – Inklusion – Befähigung
Unterschiedliche Konzepte zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe

Integration hat historisch betrachtet einen starken Fokus auf die Individuen, die selbst für die Integration in eine homogene Gesellschaft im Gastland verantwortlich sind. Das Konzept der Integration schafft dabei eine Polarisierung zwischen “wir und die anderen”. Dies zeigt sich auch in der lexikalischen Definition von Integration:

„sich in eine Gesellschaft oder Gruppe von Menschen einfügen/anschließen, wobei sich Personen oft in ihrer Lebensweise, ihren Gewohnheiten und Bräuchen anpassen" (Cambridge Dictionary 2019)

In gegenwärtigen Ansätzen hat sich das Konzept der Integration mehr in Richtung eines komplexen Prozesses entwickelt, der ein inklusives Ziel verfolgt, das Chancengleichheit und Rechte für alle Menschen beinhaltet. (Caritas 2018)

Definiert die Vielfalt der Menschen als die Norm. Während Integration einen stärkeren Fokus auf den Einzelnen hat, verfolgt INKLUSION einen eher systemischen Ansatz. Staat und Gesellschaft sind dafür verantwortlich, allen Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeiten zu gewähren.  (Caritas 2018) Das System muss sich wandeln, um die Teilnahme aller, unabhängig von ihrer Ausgangslage, zu gewährleisten. (Georgi 2015)

Das Konzept der Inklusion betont die Aspekte, die Menschen zusammenbringen, anstatt die Unterschiede zwischen Menschen zu betonen, und konzentriert sich auf die uneingeschränkte Teilhabe an allen Bereichen der Gesellschaft. (Neußl-Duscher 2016)

Empowerment ist definiert als:

  • „die Fähigkeit, effektive Entscheidungen zu treffen verbessern; Einzelpersonen, Gruppen und/oder Gemeinschaften übernehmen die Kontrolle über ihre Lebensumstände und erreichen ihre eigenen Ziele.” (Braye and Preston-Shoot 1995).
  • „der Prozess, Freiheit und Macht zu erlangen, um das zu tun, was du willst oder zu steuern, was mit dir passiert.“ (Cambridge Dictionary 2019)

Migrant*innen sind oft mit der genau entgegengesetzten Situation konfrontiert. Menschen mit einem ehemals selbstbestimmten Leben und vielen sozialen Kontakten finden sich sprachlich und sozial isoliert mit wenigen Möglichkeiten sich eigene Ziele zu setzen, und sinnvolle Aktivitäten zu unternehmen.

Unabhängig davon, ob die Arbeit individuell oder auf Gruppenebene stattfindet, Empowerment ist eng mit dem Konzept der Inklusion verbunden. Empowerment zielt darauf ab, systematisch ausgeschlossene und benachteiligte Personen oder Gruppen zu stärken, um die Kontrolle über Vermögen und Nutzen zu erlangen und an Entscheidungen teilnehmen zu können.(CIAT 2019)

Empowerment ist ein ressourcenbasierter Ansatz, der darauf abzielt, Räume und Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen ihre Potenziale ausschöpfen können.

Chancen und Herausforderungen für Empowerment in interkulturellen Gärten

Interkulturelle Gärten können eine wertvolle Ressource für Empowerment sein. Dies zeigt sich an einigen Zielen des interkulturellen Gartens in Göttingen (Deutschland). Zu diesen Zielen gehört:

  • Förderung der Eigeninitiative und der Eigenarbeit.
  • Sinnvolles Handeln durch produktive Arbeit, trotz Arbeitslosigkeit und Einsamkeit.
  • Beitrag zur Selbstversorgung leisten.
  • Raum bieten für die soziale Interaktion mit der lokalen Gesellschaft.
  • Verständnis für verschiedene Kulturen und Migrationsursachen verbessern.
  • Hilfe bei der Trauma-Verarbeitung und Stärkung des psycho-sozialen Wohlbefindens.
  • Verbesserung der Kompetenzen und Erfahrungen durch Bildung und Hilfe bei der beruflichen Neuorientierung.

Gartennutzer*innen betonen die Bedeutung von interkulturellen Gärten für Empowerment wie folgt:

  • Der Garten bietet die Möglichkeit sich eine Auszeit zu nehmen vom “ Migrant-Sein” um für einige Zeit ein Mensch und Gärtner zu sein.
  • Jede Person ist auf ihre eigene Art kompetent und einfallsreich. Der interkulturelle Garten bietet den Menschen einen Raum, in dem sie ihre Fähigkeiten teilen und ihre Position von Lehrer*in zu Schüler*in und von Schüler*in zu Lehrer*in tauschen können.
  • Der interkulturelle Garten ist ein Ort, den die Menschen ihr Eigen nennen können, zu dem sie sich zugehörig fühlen.
  • Der interkulturelle Garten ist ein Ort, an dem Menschen Verantwortung übernehmen können, für ihr eigenes Beet bis hin zur Leitung einzelner Arbeitsgruppen und Aktivitäten oder als Teil des Leitungsteams eines Gartens.

Während sich die meisten interkulturellen Gärten das Ziel der Integration bzw. Inklusion und Empowerment gesetzt haben, gibt es einige Einschränkungen und Herausforderungen.

Viele interkulturelle Gärten wurden in einem Top-Down-Ansatz von Institutionen oder von lokalen Ehrenamtlichen gegründet. Die Ziele werden oft von den Initiator*innen festgelegt und die Entscheidungsprozesse werden nach ihren Ideen und Einstellungen gestaltet. Verantwortung abzugeben und Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass sich alle Beteiligten gleichermaßen einbringen können, kann für das ursprüngliche Leitungsteam herausfordernd sein.

Wenn interkulturelle Gärten für Menschen mit Fluchterfahrung eingerichtet werden, neigen die Teilnehmer*innen dazu, den Garten als das Projekt der Initiator*innen und nicht als ihren eigenen Garten zu sehen.

“Oftmals besteht der Fehler darin, von Anfang an zu verstehen, wie Integration funktioniert.” (Gartenmanager*in-Garten der Begegnung 2019)

Wenn Gartengruppen sich in einer inklusiven Weise, mit flachen Hierarchien und umfassender Beteiligung aller Mitglieder an der Entscheidungsfindung organisieren wollen, stoßen sie auch auf Hindernisse. Gärtner*innen, die ein anstrengendes und herausforderndes Leben führen, möchten vielleicht nicht in die Entscheidungsfindung und Organisation einbezogen werden, sondern wünschen sich klare Strukturen und
verständliche Aufgaben.

Weitere Faktoren, die die Teilnahme erschweren, sind:

  • Verschiedene Sprachen und Dialekte
  • Vorurteile
  • Fehlende politische und finanzielle Unterstützung für den Aufbau einer stabilen Struktur
  • Mangelnde Fähigkeiten um die Gruppe zu organisieren und die Teilnahme der Menschen, unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Situation zu unterstützen.

  • Betrachten Sie alle Menschen auf der gleichen Ebene, unabhängig von ihrem Alter, ihrer Bildung, ihrem Geschlecht, ihrer Nationalität,...
  • Seien Sie bereit, vielfältige Methoden zu nutzen, um alle mit an Bord zu holen (trotz eventueller Sprachbarrieren).
  • Respektieren Sie, dass nicht jede*r helfen oder sich beteiligen will.
  • Self-Empowerment der Migrant*innen fördern, damit sie ihre Talente entdecken und nutzen können.
  • Individuelle Talente sind die wesentliche Energiequelle für Self-Empowerment.

“Achten Sie auf die Bedürfnisse der Menschen und auf die Talente, die sie mitbringen” (Gartenmanager*in Garten der Begegnung 2019)

  • Einen integrativen Ansatz verfolgen. Seien Sie sich bewusst, dass alle Menschen ihre individuellen Stärken mitbringen. Gleichzeitig sollte man sich im Klaren sein, dass bestimmte Hintergründe und Erfahrungen es wahrscheinlicher machen, dass Menschen ausgegrenzt oder diskriminiert werden.
  • Betrachten Sie Inklusion als einen zweiseitigen Lernprozess.
  • Neue Ansätze erlernen (Humor, Respekt vor Älteren und Freundschaft könnten wichtiger sein als Pünktlichkeit)Ein starker Fokus auf interkulturelle Begegnung und Partizipation von Anfang an. Integration geschieht nicht von selbst.

“Offen bleiben und keine festen Vorstellungen haben, wie etwas sein sollte, sondern gemeinsam mit den Menschen darüber nachdenken, was funktioniert und was nicht. Ich denke, das ist sehr wichtig für einen Gemeinschaftsgarten wie den unseren. […] Diese Offenheit ist der Grundgedanke des gesamten Gartens”  Vorstandsmitglied Bahrenfelder LutherGarten 2019

  • Stärken Sie Ihre Gartengruppe, um Empowerment zu fördern
    • Suchen Sie bei Bedarf professionelle Unterstützung (Umgang mit interkultureller Vielfalt und Konflikten)
    • Wenn es keine Unterstützung seitens der Politik gibt - suchen Sie nach Unterstützung in der Gesellschaft.
    • Streben Sie eine breite Palette von Kooperationen mit Freiwilligen, NGOs, Institutionen, Kirchen, etc. an.
  • Organisieren Sie Ihre Treffen und Entscheidungsprozesse so, dass Sie die Teilnahme daran erleichtern:
    • Übersetzen Sie wichtige Informationen in verschiedene Sprachen
    • Stellen Sie Übersetzer*innen für Treffen zur Verfügung
    • Finden Sie heraus, ob Menschen es gewohnt sind, in einer großen Gruppe zu sprechen, oder ob sie evtl. andere Rahmenbedingungen brauchen, um sich wohl zu fühlen und ihre Meinung einzubringen.
    • Nutzen Sie verschiedene Kommunikationskanäle wie Messenger, E-Mail, SMS
    • Klare Strukturen und klar beschriebene Aufgaben helfen den Gärtner*innen, sich von Anfang an
      einzubringen.

  • Orte schaffen, an denen Menschen leicht Unterstützung finden können

  • Wissen und Erfahrung der Menschen schätzen und Raum für den Austausch von Fähigkeiten und Wissen bieten.
  • Entwickeln Sie Aktivitäten basierend auf den Erfahrungen und Interessen der Menschen.
    • Ein Nähatelier mit Verkauf von Produkten könnte eine gute Aktivität für Leute sein, die bereits nähen können oder etwas Erfahrung im Nähen mitbringen (→Nähwerkstatt)

  • Bieten Sie Schulungen und/oder Kurse entsprechend den Interessen und Bedürfnissen der Teilnehmer*innen an
    • Dies wird z.B. im Trainingsprogramm "Flowers Connect" hervorgehoben, in dem Frauen die Grundlagen der Gartengestaltung und der Floristik lernen (→Blumen (ver-)binden)

  • Räume schaffen, in denen Menschen ihre eigenen Ideen entwickeln und ihre Potenziale entfalten können.
    • Dies wird in "Global talents" (→'Globale Talente') veranschaulicht, einem Programm, in dem Menschen ein/e Atelier/Werkstatt nutzen können, um ihre Ideen zu entwickeln und ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Reflexionsfragen

  • Denken Sie über die Konzepte der Integration und Inklusion nach und überlegen Sie, was zum Ansatz Ihres Gartens passt.
  • Mit welcher der folgenden Aussagen stimmen Sie überein?
    • Empowerment ist bereits Teil unserer Gartenpraxis.
    • Empowerment sollte definitiv Teil unserer Gartenpraxis werden.
    • Empowerment ist... (Ihre eigene Meinung)
  • Was hilft Ihnen, ein Umfeld zu schaffen, welches Befähigung fördert?
  • Machen Sie sich Gedanken über die in diesem Modul vorgestellten Aktivitäten und wählen Sie eine aus, die Sie für Ihre Gartengruppe anpassen könnten.

Selbstkontrolle für Gartenleiter*innen. Haben Sie das Trainingsmodul verstanden?

Literature

  • Braye, S. & Preston-Shoot, M. (1995). Empowering Practice in Social Care. Buckingham: Open University Press.
  • Filsinger, D. (2008). Bedingungen erfolgreicher Integration –Integrationsmonitoring und Evaluation. Expertise im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn
  • Georgi, V.B. (2015). Anmerkungen zu aktuellen Debatten in der deutschen Migrationsgesellschaft Integration, Diversity, Inklusion
    https://www.die-bonn.de/zeitschrift/22015/einwanderung-01.pdf
  • Neußl-Duscher E., (2016). Transkulturelle Gemeinschaftsgärten
    Ein Beitrag zur gesellschaftlichen Integration? In soziales_kapital
    Wissenschaftliches Journal Österreichischer Fachhochschul-studiengänge Soziale Arbeit Nr. 15 (2016) / Rubrik "Thema" / Standort Salzburg

Internet

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